WILD & FREE Natur erleben, wo sie noch ursprünglich ist: eine Reise nach BRITISH COLUMBIA

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By Ella Grigorovici,
In den Medien2 October 2020

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Stadt, Land, Meer – wer nach British Columbia reist, kehrt mit Bildern voller Schönheit aus der kanadischen Provinz zurück


› ›TEXT Barbara Kraus, Harper's BAZAAR Germany


Diese Geschichte steht vor mir wie der Mount Stephens am Nimmo Bay, Ehrfurcht einflößend und schwer zu bezwingen. Nicht, weil es wenig zu erleben gäbe auf einer Reise durch British Columbia, und bestimmt nicht, weil die Erinnerungsbilder fehlen. Ganz anders, es sind so viele, tief drinnen. Nicht im Herzen, eher im Blut, weil sie kreisen und aufsteigen, wann immer sie wollen. Wie Sauerstoff. Es sind Bilder von Ruhe und Schönheit, jedes für sich einmalig. – Was, du warst in British Columbia?! Im Land der Bären, Wale, Adler und Regenwälder! Sag, wo liegt das noch genau? Im Westen Kanadas am Pazifik, direkt in Nachbarschaft zu Washington und Montana, den amerikanischen Bundesstaaten. Stimmt es, dass die Hauptstadt Vancouver eine der liebenswürdigsten Metropolen der Welt ist mit aufregender Architektur und extrem entspannten Menschen aus allen Ecken der Welt? Ja, Vancouver ist jede Reise wert, aber nicht die Hauptstadt von BC. Den Fehler machen viele, steht sogar in Reiseblogs. Die Hauptstadt ist Victoria, viel kleiner, aber ebenso besonders. – Also, wo nun beginnen?


„Erzähl auch du uns davon und fang jetzt einfach irgendwo an!“ Hat einer der besten Geschichtenerzähler einmal geraten. Heute würde der große Homer sicherlich Margaret Atwood auffordern, Kanadas göttliche Schriftstellerin. – Gut, dann fang ich jetzt irgendwo an. Am besten mit dem Abenteuer mitten auf dem Meer auf halber Strecke von Tofino zur Hot Spring Cove: Wie auf ein geheimes Kommando hält jeder den Atem an, niemand wagt sich zu rühren. Selbst die Zwillinge des Hipster-Pärchens aus Seattle sind plötzlich mucksmäuschenstill. Nur wenige Meter vor Jamies kleinem Ausflugsboot ist ein scharfwinkliges großes Dreieck aufgetaucht, eine nassschwarze Flosse. Dann steigt der Orca aus dem Wasser, eine prächtige Kreatur, gut acht Meter lang, wird unser Captain und Guide später schätzen. Es ist eine Sekunde Schrecken und Staunen, auf beiden Seiten, beim Schwertwal und den zwölf kleinen Menschen, die ihn anstarren, den riesigen Raubfisch, so vollendet schön, als sei er aus der Feder eines japanischen Meisterkalligrafen, dem nach jahrelanger Übung nun endlich der perfekte Schwung gelungen ist.


Schon auf der Fähre von Vancouver nach Victoria auf der vorgelagerten Vancouver Island waren große Fische unsere Begleiter. Im kaltblauen Meer zwischen den zerklüfteten Festland-Armen bliesen narbige Buckelwale ihre Fontänen in die Luft, als seien sie von der Küstenwache und müssten hier für Ordnung sorgen. Dabei war alles friedlich, der Pazifik und die versprengten Holzhaussiedlungen, an denen wir vorbeischipperten, während die Sonnenstrahlen an diesen Oktobertagen wie Goldschleier durch die Wolkenberge fielen.


Victoria lacht bei unserer Ankunft. Im Hafen liegen Segelboote und Ausflugskutter, landen Wasserflieger und unser Schiff ankert direkt vor dem Fairmont Empress Hotel. Stolz nennt es sich Canada’s Castle on the Coast, und man erwartet mindestens eine königliche Hoheit im zinnenbewehrten Schloss aus Edwardianischer Zeit, das uns für drei Tage nach Strich und Faden verwöhnen wird. Mit Luxus in der Suite samt Hafenblick, in der Bar, die Queen Victoria mit angemessen kräftigen Cocktails verehrt oder bei der Champagner Teatime. Lady Diana soll am liebsten den Rose Congou Empress getrunken haben, es gibt noch 21 weitere Teesorten und obendrein eine dreistöckige Etagere. Mit Blick auf das quirlige Leben am Inner Harbour schlemmt man sich durch Egg Salad on Brioche und Cold Smoked Pacific Salmon über Scones zu königlichen Süßigkeiten. Es wäre schade, ist aber nicht nötig, sich aus dem Haus zu bewegen, um zu verstehen, wie die Stadt tickt. Ins Fairmont kommt nämlich irgendwann jeder Victorianer, um zu feiern, sich zu verlieben und hier zu heiraten. Das Grandhotel nimmt geografisch, kulturell und gourmetmäßig den prominentesten Platz in der Stadt ein. Please, don’t miss Winston, goldenretrieverter Labrador und seines Zeichens walking dog, der mit stoischer Vornehmheit die britische Tradition und Coolness, typisch Victoria, repräsentiert.


Viel älter als jede Rule Britannia, nämlich mehr als 10 000 Jahre zählt die Geschichte der indigenen Bevölkerung. „Pelpala wit i ucwalmícwa múta ti tmícwa“ – „Die Menschen und das Land sind eins“, sagt ein indianisches Sprichwort in einer der 34 Sprachen der First Nations People von British Columbia. Die indigene Bevölkerung mit rund 200 000 Menschen gehört zu den 203 Stämmen dieser Provinz und bildet damit die diverseste indigene Community weltweit. Seit Ankunft der europäischen Einwanderer Mitte des 18. Jahrhunderts war ihre Geschichte vor allem eine von Unterdrückung und Verletzung, die bis heute nur langsam heilt. Ihrer Kunst, den Totempfählen, Schnitzereien und Bildern und zuvorderst ihrer Klugheit im Umgang mit der Natur begegnet man auf Schritt und Tritt. Wie in Tofino, einem 2000-Seelen-Ort, von dem man schon deshalb viel erwarten darf, weil er am Rande des Clayoquot Sound liegt – allein dieser Name, der von den Nuu-chah-nulth stammt, „den Menschen, die am Meer und in den Bergen leben“ – und natürlich, weil Tofino, das man mit kleinen Charterfliegern von Victoria aus in einer Stunde erreicht, zum UNESCO-Biosphärenreservat gehört, einer der schönsten Naturlandschaften der Welt.


„Großvaters Bart“, sagt Sheila, Guide von den Long Beach Nature Tours, nachdem sie ein Büschel grauweißer Fäden von einem dürren Ast gezupft hat. „Diese Schmarotzerpflanze wächst nur dort, wo die Luft sehr, sehr sauber ist.“ Hier wächst Großvaters Bart überall. An dieser Stelle sollte ich vom Regenwald erzählen, von der Vorstellung, die man hat, weil man an die tropischen Brüder denkt mit ihrem Reichtum an Farben, Blüten und lärmenden Vögeln. Die gemäßigten Regenwälder von BC sind hingegen Nebelwälder wie aus unseren alten Märchenbüchern: verwunschen, verwachsen, grün, ein Grün, das auf Grün wächst als Moose, Flechten und Farne, zwischen hundertjährigen Fichten- und Zedernriesen mit gigantischen Wurzelarmen. Ein Dickicht mit Wasserläufen vom Regen, der hier reichlich fällt, und Temperaturen, die nicht unter null Grad sinken. Gemäßigt und sehr, sehr ruhig. Der Wald, die salzschwere Luft, vor allem aber ist es die Stille, die einen packt. Die Schöpfung im Originalzustand, so erlebt man es. „Es muss still sein, wenn man die Welt atmen hören will“, hat die wunderbare Komponistin Sofia Gubaidulina mal gesagt. Jetzt verstehe ich, was sie meint.


„The Wick“, sagen alle, weil über „The Wickaninnish Inn“ selbst Einheimische stolpern, liegt am Chesterman Beach, dem schönsten Strand von Tofino mit dem Rücken zum Regenwald. Wenn Sie Surfer sind, wissen Sie, dass fantastische Wellen an den weißen Sand brechen, ein raues Paradies, in dem der mächtige Häuptling Wickaninnish vom Stamm der Tla-o-qui-aht einst das Sagen hatte. Im Haus, das seinen Namen trägt wie den Großen Geist der eleganten Behaglichkeit und Gastfreundschaft, sind die indigenen Spuren mit Schnitzereien überall anzutreffen. Fast bedauere ich, dass kein Sturm ums Haus fegt und die Wellen bis zum La Pointe hochpeitscht, dem exquisiten Restaurant direkt auf dem Felsvorsprung – Stormwatching bei Kaminfeuer und Köstlichkeiten wie Lobster, Heilbutt oder Lachs. Nirgendwo auf der Welt gibt es besseres Seafood und eine größere Leidenschaft für gute Lebensmittel, behaupte ich nach dieser Reise und wundere mich nicht, dass gefeierte Jungköche wie Dylan Watson-Brawn, dem man zutraut, der erste Dreisternekoch von Berlin zu werden, aus British Columbia stammen. „Wir tun alles, was wir können“, sagt Wick-Besitzer Charles McDiarmid, „mit Sorgfalt und Respekt“.


Wie ein flauschiger Ring setzt sich der Nebel vom Wasser ab, steigt auf am Ufer zu den bewaldeten Felsen bis in die Wipfel, wo ein Weißkopfadler mit strengem Blick die Szene verfolgt. Es ist unser erster Morgen in Nimmo Bay, einem Eco-Lodges-Resort an der Küste des Great Bear Rainforest, das selbst den Wilderness-Experten von National Geographic den Atem verschlägt. Im Wasserflugzeug waren wir von Port Hardy aus eine kleine staunende Ewigkeit, in Wahrheit nur eine halbe Stunde, über Meeresrinnen und Inselflecken, vorbei an schneebedeckten Gipfeln der Coast Mountains, über Wasserfälle und die Schatten von Delfinen und Walen geflogen, um an einem Holzponton im grünen Nirgendwo zu landen. Drei Tage in unserer floating cabin, es gibt davon nur neun, waren mit die aufregendsten, dabei stillsten Tage in meinem Leben, versunken in den Elementen Luft und Wasser, umarmt von Natur, um deren Fort bestand sich hier alle sorgen. Auf Du und Du mit Bären, Seelöwen und Walen, die wir auf unseren Ausflügen beobachten, die Landschaft erkundend, im Holzbottich am Wasserfall badend. Dann dieser sonnige Nachmittag auf der Insel, die nur Platz hat für eine Blockhütte mit dickem Sauna-Ofen, das eiskalte Meer zum Erfrischen, im Picknickkorb hausgemachtes Brot, eine Gemüsesuppe und köstliche Sandwiches. Und jede Nacht den besten Schlaf. – Schon ist es unser Abschiedsabend. Craig Murray, der die Lodge unter abenteuerlichen Umständen aufgebaut und nun an seinen Sohn Fraser übergeben hat, will nach dem Dinner für uns Gäste Musik machen. Begleitet wird er heute Abend von einer Musikerin, die mit ihrer Familie für ein paar Tage in Nimmo Bay ist. Wer mag, ist eingeladen. Dann nimmt Sarah McLachlan, eine der besten Singer-Songwriter Kanadas, ihre Gitarre und singt In the Arms of the Angels. Die Freudentränen, die uns über die Wangen rollen, gehören ihr und all der Schönheit hier.

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