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Reisen

Original Artikel von Jeremy Gloor für NZZ am Sonntag
 
Warten auf den Riesen
 
Im malerischen Fischerstädtchen Tofino auf Vancouver Island im Westen Kanadas faszinieren Naturgewalten, Kochkünste und originelle Charaktere. Hierher kommen Hippies eher als Hipsters, und das Meer teilen sich ambitionierte Surfer mit Walen.

Zur Begrüßung das Lächeln einer Meerjungfrau. Keiner echten, denn wie jedes Kind früher oder später lernt, gibt es die nur im Märchen. Doch der Alltag spielt uns phantasiereiche Geschichten oft auf eigentümliche Weise vor, und so fühlt sich ein Aufenthalt in Tofino, einem rauen, doch bilderbuchhaften Fischerstädtchen an der Westküste von Vancouver Island, durchaus märchenhaft an. Man wähnt sich zwischen Schneebergen, stürmischer See und umgeben von Regenwald in einer wilden, wundervollen Erzählung.

Die erwähnte Meerjungfrau steht am Eingang der Community Hall, des Gemeindesaals. Gehüllt ist die Blonde in ein figurbetonendes und mit Strass dekoriertes Abendkleid, zwei Muscheln bedecken ihren Busen. Sie heißt jeden Besucher der «Oyster Gala» willkommen, der zweiten Abendveranstaltung des seit 17 Jahren jährlich  tattfindenden Clayoquot-Austern-Festivals. Der Saal wurde dafür mit Fischernetzen, Bojen und Lichtern geschmückt, man sitzt an langen Tischen, trinkt, lacht und schlürft die lokale Spezialität. Zehn Restaurants haben dafür Austern in diversen Variationen zubereitet, als kleine Kuchen, schmackhafte Burger, überbacken oder fangfrisch an scharfer Chilisauce. Es wird ein ausgelassener Abend, neue Geschmackserlebnisse sollen geteilt, Preise an den kreativsten Koch vergeben und spatter ungezwungen getanzt werden. Dies aber erst, nachdem alle mit angepackt haben, um Tische und Stühle zur Seite zu stellen.

Viele bleiben einfach für immer

Wer nach Tofino reist, muss damit rechnen, für immer bleiben zu wollen; es ernsthaft in Erwägung zu ziehen und nicht bloß daherzusagen, wie man es an einem schönen Flecken Erde bald einmal tut. So nimmt manche Anekdote der Einheimischen – oder eben Zugezogenen – einen ähnlichen Verlauf. Ein paar Wochen surfen in der Früh, Yoga am Mittag, auf der Terrasse oder vor loderndem Feuer lessen und zum Abendessen den Weg in eines der exzellenten Restaurants am Platz finden – so lautete der Plan vieler der vornehmlich jungen Leute, die sich hier niedergelassen haben.

Doch für die Galeristin, die man vor dem Co-op, einer Lebensmittel-Kooperative, antrifft, oder für den Yogalehrer, der beim «Wildside Grill» gleich neben seinem Studio einen der herausragenden Fisch-Tacos bestellt, wurde dieser Aufenthalt auf unbestimmte Zeit verlängert. Es sind zwei von Dutzenden von Geschichten, die auf dasselbe hinauslaufen: In Tofino will man bleiben. Womöglich liegt es daran, dass sich das Städtchen am vermeintlichen Ende der Welt befindet und dabei Blick und Gedanken hier an der Pazifikküste vollkommen frei werden. Oder auch, weil das Leben halb so schnell vorangetrieben wird wie anderswo, wie das lokale Blatt «Tofino Time», welches im Do-it-yourself-Stil daherkommt, auf seinem Cover verspricht. Wer die Ruhe im Äusseren und die Stille in sich selbst sucht, wird hier beides finden. Auch diejenigen, die überhaupt nicht danach trachten.

Trendige Cafés, Hipster-frei

Doch es soll nicht der Eindruck entstehen, in Tofino sei nichts los. Dieser vom Nebel verschleierte Ort mag an einem spätherbstlichen Morgen verträumt wirken, verschlafen ist er nicht. Dafür sorgen schon locale Cafés, die ihren trendigen und geografisch nahen Vorbildern in Kanada und den USA, Vancouver oder Portland, lediglich in der fehlenden Warteschlange Koffein-begieriger Hipster nachstehen. Doch Karohemd, Raw Denim und Lederstiefel tragen auch hier viele zur Work-Jacket und sehen dabei wie Holzfäller oder Fischer auf dem Weg zur Arbeit aus. Einige werden solcher oder ähnlicher Arbeit tatsächlich nachgehen, authentische Charaktere also, in manchen Augen gar echte Kerle. Man trifft sie in Tofino überall – einen am Chesterman Beach neben dem «Wickaninnish Inn», einem rustikal-schicken Hotel am Ortskern. Hier arbeitet George Yearsley, genannt «Feather George» – ein Mann, der gern von seinem Kunsthandwerk spricht. Er schnitzt Adlerfedern aus Zedernholz, jeden Tag, in der Hütte am Strand oder unter freiem Himmel, er verkauft sie ür ein paar hundert kanadische Dollar. Feather George steht in der Obhut des «Wickaninnish Inn», und doch drückt er die Hippie-Lebensart aus, für die viele in den sechziger Jahren nach Toino kamen. Sein Vorgänger Henry lebte es vor, bescheiden, offenherzig. Oft saß er nackt schnitzend vor der Hütte. Zu Ehren von Feather George wiederum wird im Hotel heute ein Cocktail gereicht, der seinen Namen trägt, die Basis: Whiskey mit Zedernholz-Infusion.

Julie arbeitet an diesem Abend hinter besagter Hotelbar, der «On the Rocks Lounge», und meint, Tofino sei wie eine College-Stadt, nur ohne College: jung, kreativ, zuweilen gut alkoholisiert. Doch es sei ein starker Zusammenhalt zu spüren, dies mache die Stadt liebens- und den Alltag lebenswert. Die Kräfte der Natur tragen das Ihrige bei, wenn Wind und Wetter, besonders in der Sturm-Saison, vor Augen führen, dass es von Menschenhand geschaffene Tempel schwer mit den Kräften der Natur aufnehmen können.

Im Spätherbst ist dies auf einem Brett in den Wellen zu erleben, bei einer Surflektion etwa. Nach Instruktionen der Schule Surf Sister, einer kurzen Fahrt im Van nach Cox Bay und Trockenübungen geht es hinaus. Eingebettet ist die Bucht vom Grün des Regenwalds, der seinem Namen alle Ehre macht. Es nieselt unentwegt, während die Schritte in Neopren Richtung 11 Grad kaltes Wasser zurückgelegt werden. Immerhin, der Pazifik trägt für einen Anfänger bezwingbare Wellen. Plötzlich bricht der Himmel auf, Sonnenstrahlen leuchten in einem Kegel auf's Wasser, wie eine Bestätigung, dass man sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort befinde. Am nächsten Morgen wird per Ausflugsboot der Maquinna Marine Provincial Park angesteuert. Auf dem Weg wollen Wale gesichtet werden, obwohl die Hoffnung vom Kapitän geschmälert wurde; zu dieser Zeit seien die meisten bereits in wärmeren Gewässern unterwegs. Dafür grüßen Adler, Otter und Seelöwen.

Doch plötzlich taucht er auf, direkt am Boot, ein junger Grauwal. Das Wasser aus seinem Blasloch ist auf der eigenen Haut spürbar; überwältigend die Nähe, seine Furchtlosigkeit und Güte. Der Wal scheint am Besuch Freude zu haben und schwimmt eine halbe Stunde lang um das Boot, taucht bald backbord, bald steuerbord auf, heißt die Fremden willkommen.

Zurück zum Abend der «Oyster Gala» in der Community Hall, wo Bürgermeisterin Josie Osborne im kleinen Schwarzen enthusiastisch die aus Muscheln gebastelte Trophäe an den Gewinner des Abends überreicht hat. Das Publikum hat das köstlichste Austern-Gericht gewählt, schliesslich spielt die Cover Band The Continentals «Born This Way» und «Suspicious Minds». Und zum Ende dieser Geschichte wird getanzt.

 

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