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Im wilden Land derWale und Bären

Original Artikel Christine de Silva für Passauer Neue Presse   

Sich eins fühlen mit der Natur, Wal und Bär in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten – diesen Traum erfüllt die kanadische Provinz British Columbia.

Kapitän Brett Soberg ist ein Westküsten-Kanadier wie aus dem Bilderbuch. Vom Winde verweht das Haar, von Sonne und Salz blonder gebleicht als der Bart. Muskulöse Arme am Steuer des 750 PS starken Schnellboots. Ein Auge gegen die Sonne zugekniffen, mit dem anderen jeden Schatten unter der Wasseroberfläche scharf im Blick.

Seit 18 Jahren in Kanadas Gewässern als Walbeobachter unter-wegs, freut sich der Biologe noch immer wie ein kleiner Junge, wenn er in den Fjorden vor Victo-ria, der Provinz-Hauptstadt von British Columbia, die erste Walflosse des Tages erspäht. Ihm reichen an diesem Morgen T-Shirt und Bermudas, um den kühlen Temperaturen auf See zu trotzen. Seine Gäste, die bei Eagle Wing Whale Watching eine Drei-Stun-den-Tour gebucht haben, hüllen sich hingegen in dicke Regenjacken mit integrierter Rettungsweste, Regenhosen, Fleecemützen und Handschuhe, um sich bei sportlichen 32 Knoten, mit denen das Boot über die Wellen brettert, gegen den Wind zu schützen.

Doch als die Gruppe sich Race Rocks mit dem Leuchtturm aus dem Jahre 1860 nähert, drosselt Brett die Geschwindigkeit. Das Boot gleitet sanft auf die kleine Insel zu, auf deren erhabenstem Felsen junge Seelöwen fläzen. Sie kommen aus Kalifornien, um hier vor ihrer Rückkehr in den Süden an Gewicht zuzulegen. In einem Gemisch aus heiserem Bellen und Heulen scheinen sie über ihr Schicksal als alleinstehende Män-ner zu klagen. Seekühe ziehen leider nicht vorbei. Zwei Weißkopf-seeadler haben sich dagegen schon gefunden. Seit an Seit sitzen die Wappentiere aus den nahen USA am kanadischen Strand. Ob das ein politisches Statement ist? Auch die Otter erscheinen paarweise, strecken neugierig ihre Köpfe aus den Wasser, um sogleich wieder auf Fischfang abzu-tauchen.

Wer in der atemberaubenden Landschaft von British Columbia zu Wasser oder zu Land unter-wegs ist, spürt ziemlich schnell, wie sich das Herz zusammenzieht, die Augen feucht werden und ein Gefühl von Demut den Betrachter ereilt, der das große Glück hat, majestätisch schöne Tiere in freier Wildbahn beobachten zu können. Mit 944 735 Quadratkilometern ist die Provinz am Pazifischen Ozean fast drei Mal so groß wie Deutschland, bietet mit nur 4,6 Millionen Einwohnern den Tieren aber ausreichend unberührten Lebensraum.

Allemal lohnt es sich, dafür zehn Stunden von Frankfurt nach Vancouver zu fliegen und bei einem Ausflug auf einem schaukelnden Boot auszuharren, bis sich eine Orca-Familie vor dem Fernglas tummelt. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist zwischen April und Oktober am größten. Dann schwimmen zum Beispiel Grauwale von ihrem Winterquartier in tropischen Gewässern – et-wa vor der Küste Mexikos – zur Nahrungsaufnahme 18 000 Kilo-meter bis zur Beringsee.

Wer sieht zuerst eine Rücken-flosse oder die Wasserfontäne, mit der sich die Meeresgiganten vor dem Auftauchen ankündigen? Über Funk erhält Kapitän Brett die Koordinaten, an denen ein Kollege einen Humpbackwal gesehen hat. So heißen die 12 bis 15 Meter langen Buckelwale. Mit einer rasanten Linkskurve ändert der Kapitän den Kurs und fährt zu der Stelle, an der zeitgleich freilich auch alle anderen Ausflugsboote eintreffen. Es sind bedenklich viele, die den 25 bis 30 Tonnen schweren Riesen nun umrunden. Doch Brett versichert, dass alle Bootsführer den Motor ausstellen und sich an den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestabstand von 100 Metern sowie die Beobachtungshöchstdauer von einer halben Stunde halten. Die Touristen hoffen nun auf ein Foto in voller Walespracht, doch die größten Tiere der Welt zeigen meist nur ih-ren Rücken und einen Teil der Schwanzflosse, um nach diesem beeindruckenden Schauspiel wie-der in den Tiefen des Meeres zu verschwinden. 80 Wale sollen in der Region unterwegs sein.

Auch für den First-Nations-Guide Terrell, der seinen ersten Job nach dem Schulabschluss hat, ist die Achtung vor Tieren und Pflanzen oberstes Gebot. Bevor der 19-Jährige vom hoch im Norden der Provinz gelegenen Tofino aus zu einem Kanutrip nach Meares Island aufbricht, verteilt er an seine Mitfahrer nicht nur Paddel, sondern gibt auch einen Überblick über die Geschichte seines Stammes, der Tla-o-qui-aht. In ganz Kanada gibt es 500 Ureinwohner-Stämme. Zu Terrells Volk gehören 1000 Menschen.

Wie wichtig seinem „Volk, das anders ist, als es war“ (so die Über-setzung) der Schutz des Ökosys-tems ist, manifestiert sich in der hohen Wertschätzung für die rote Zeder, deren bis zu 2000 Jahre al-ten Exemplare am Big Tree Trail der Insel einen verwunschenen Märchenwald bilden. Für die Ur-einwohner ist es der Baum des Le-bens. Aus seinem Stamm werden ihre Kanus geschnitzt, das Holz dient dem Bau ihrer Häuser und Möbel, aus der Rinde werden seit Jahrhunderten Hüte und Körbe geflochten. Jeder Zeder, die den First Nations ein Opfer bringt, wird dafür gedankt. Und so mutet es gar nicht verwunderlich an, wenn Terrell, ein Teenager mit Under-Cut-Frisur, in schwarzer Jeans und rot-kariertem Hemd, den Baum umarmt, nachdem er einen Streifen von dessen Rinde abgezogen hat. Auch die Wande-rer nehmen Rücksicht auf den Pa-zifik Rim Nationalpark und lau-fen auf einem hölzernen Steg durch den Kaltregenwald, um die Biodiversität des Bodens mit Tau-senden Farnen, Flechten, Pilzen und Mikroorganismen nicht zu schädigen.

Leuchten aus dem dichten Grün des Waldes auf Meare Island allenfalls gelbe Bananenschne-cken heraus, umgeben den Wildnis-Urlauber 370 Kilometer ent-fernt in den Blackcomb und Whistler Mountains freie Berg-hänge zur Tierbeobachtung. Wäh-rend Rangerin Theresa Oswald die Mitfahrer in ihrem Off-Road-Jeep noch ermuntert, nach Bären-dreck und Kratzspuren an Baum-stämmen Ausschau zu halten, steht plötzlich am Ortsausgang von Whistler ein Problembär am Wegesrand. Die 55-jährige gelern-te Physiotherapeutin erkennt ihn an seinem gelben Chip im Ohr. Er interessiert sich für eine Plastiktü-te auf der Straße, trollt sich aber, als er den Wagen sieht.

Schwarzbären, die schon ein-mal auffällig geworden sind, weil sie sich beispielsweise einer Wohnsiedlung genähert, Mülltonnen nach Essbarem durchstöbert und die natürliche Scheu vor Menschen verloren haben, sind gefährlich. Dennoch bekommen die Problembären eine zweite Chance. Von Anwohnern alarmierte Ranger betäuben die Tiere und setzen ihnen eine Ohrmarke, bevor sie zurück in den Wald gebracht werden. An dem gelben Plastikchip erkennen die Bärenmanager, wenn die Tiere ein zweites Mal auffällig werden.

Rund um Whistler, mit 200 Pisten Kanadas größtes Skigebiet, le

ben rund 60 Schwarzbären – dar-unter 17 Mütter mit ihren Babys. Meist weiß Theresa, die mit ihrem Mann seit sechs Sommern früh morgens und am späten Nachmittag, wenn die Tiere zum Fressen aus ihrer Höhle kommen, Bären-touren anbietet, um welchen Meister Petz es sich handelt. Sie erkennt ihn an der Fellfarbe, Größe, hellen Flecken im Gesicht oder Narben von Kämpfen mit Artgenossen.

Ihr geht es darum, das Verhalten der Bären zu studieren, ver-ständlich zu machen, wie Bären reagieren. „Jeder hat eine Beziehung zu Bären“, sagt die Rangerin,„als Kind hatte man ja einen Teddy.“ Doch es gehe nicht darum, Bären zu streicheln und für ein Selfie mit ihnen zu posieren, sondern ihren Lebensraum zu respek-tieren. Auch auf der Bärentour in Whistler gilt ein Mindestabstand von hundert Metern, wer aussteigt, um zu fotografieren, sollte dicht am Auto bleiben, um die Tiere nicht zu irritieren. Die Beobachtung, bei der wir in drei Stunden elf Schwarzbären zu Gesicht bekamen, lehrt, dass Respekt vor der Natur und ihren Kreaturen zu haben, nicht nur eine Mahnung, sondern ein Auftrag sein sollte – um die Faszination Wildnis zu bewahren. Nicht um-sonst lautet das Motto, mit dem die kanadische Provinz für sich wirbt, „Super Natural British Columbia“. Und so soll es bleiben.

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