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Gut festhalten!

Original Artikel von Ingrid Brunner für Süeddeutsche Zeitung  

Ein Hotel auf Vancouver Island in Kanada ist im Winter Treffpunkt unerschrockener Naturliebhaber. Sie kommen zum "Storm Watching".

Charles McDiarmid steht gerne, eigentlich so oft er Zeit hat, am Chesterman Beach. Das ist ein Strand in der kleinen Küstengemeinde Tofino, ein bei Surfern und Spaziergängern beliebter Treffpunkt. Und bei Sturmbeobachtern. "Hier habe ich schon als Kind mit meinen Brüdern und meinem Dad gestanden und geschaut, wie weit die Wellen herankamen." Charles McDiarmid ist ein Storm Watcher von klein auf, und auch mit 51Jahren ist er dieses Schauspiels noch immer nicht überdrüssig.

"Wie könnte ich? Keine Welle ist wie die andere, alles verändert sich hier unentwegt." Eine Beobachtung, die auch die Surfer bestätigen können. Zwischen November und Februar zieht die Natur an der Westküste von Vancouver Island eine Show ab, voll von Drama und Spezialeffekten. Wellen zwischen acht und neun Metern Höhe donnern an die Küste. Die Winde erreichen eine Geschwindigkeit von mehr als 70 Kilometern in der Stunde. Dann heißt es: wasserdichtes Zeug anziehen, Hunde und Kinder festhalten - sie könnten sonst davonfliegen.

Vom Strand die Brecher heranrollen zu sehen, sich gegen den Wind zu stemmen, ist ein intensives Erlebnis. Die Wogen zerstäuben an den Felsen zu Gischt wie Wasserbomben, und als ob nichts wäre, kreisen Möwen mühelos über der kochenden See. Auch wenn es dramatisch aussieht, ist es für Menschen ein eher gefahrloses Unterfangen. Kritisch wird es nur, wenn während der Flutphase eine Sturmfront aufzieht und zugleich Vollmond ist. Denn dann kommt das Wasser ganz dicht ans Hotel. Dann ist es doch besser, sich einen Logenplatz im Wickaninnish Inn zu sichern. Hat ja auch was, behaglich am Kaminfeuer hinter Panzerglas zu sitzen und das, was draußen geschieht, mit dem Fernglas zu beobachten. Weil das dicke Glas auch den Lärm aussperrt, ließ der Besitzer Charles McDiarmid, ein echter Sturm-Maniac, Außenmikrofone anbringen. Nun hören die Gäste statt Loungemusik das Heulen des Windes.

Die Brecher wuchten Steine, Geröll, sogar Baumstämme lang wie Wale an den Strand, als wären es Mikadostäbchen. Selbst ein abflauender Sturm ist noch körperlich spürbar: In der ersten Nacht im Hotel lässt die immer noch aufgewühlte See das Haus und sogar das Bett vibrieren. Die Holzkonstruktion und die Möbel werden zu Resonanzkörpern, man hört das dumpfe Schlagen und spürt die Gewalt des Wassers. So ähnlich muss es sich wohl anfühlen, wenn eine Horde Landsknechte mit einem Rammbock gegen eine Festung anrennt. "Diese Sturmtiefs entstehen, wenn polare Luftmassen aus Alaska und warme Luft aus der Äquatorzone aufeinanderprallen", erklärt Diplom-Meteorologe Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach.

Die Sturmsaison dauere an, sagt Friedrich, bis sich die starken Temperaturunterschiede in der Atmosphäre ausgeglichen haben. Es war Howard McDiarmid, der Vater von Charles, der die Idee hatte, den Winter auf Vancouver Island als Reisezeit zu vermarkten. McDiarmid senior war in den 50er- und 60er-Jahren Landarzt in Tofino. Früher als andere erkannte er das Potenzial der unberührten Natur, die Schönheit der kalten Regenwälder mit ihren riesigen roten Zedern, Douglasien und Sitka-Fichten, die bis an die Küste reichen. Er begann, Strandgrundstücke zu kaufen. Tofino war damals noch ein schwer erreichbares Nest, das hauptsächlich von Fischern und Holzfällern bewohnt wurde.

"Die Leute hielten meinen Vater für total bescheuert. Wer in aller Welt würde freiwillig am Strand wohnen wollen? Es ist windig, es ist feucht, ständig trägt man Sand ins Haus. So dachte man damals noch", erinnert sich der Sohn. Doch der komische Doc hatte schon einiges von Kanada und der Welt gesehen. Ein paar Hotels in grandioser Landschaft und tolle Strände waren auch darunter. Im Banff Springs Hotel hatte er während seines Studiums als Page gearbeitet. Ein wenig hineingeschnuppert in die Hotelbranche hatte er also schon - genug, um sich selbst als Hotelier versuchen zu wollen. So kaufte er zunächst das alte Wickaninnish Inn am gleichnamigen Strand. Doch mit der Umwidmung weiter Teile der Westküste von Vancouver Island zum Pacific Rim National Park im Jahr 1970 musste der Hotelbetrieb dort eingestellt werden.

Also suchten die McDiarmids einen anderen Standort für ihr Hotel: Auf einer felsigen Landspitze am Chesterman Beach, wo schon das Wochenendhaus, die "family cabin" der Familie stand, sollte das neue Haus entstehen. Sohn Charles hatte mittlerweile eine Hotelfachschule besucht und Erfahrungen in der Luxushotellerie gesammelt. Er war bereit, zusammen mit dem Vater durchzustarten.

Mit der Idee eines Ökohotels waren die McDiarmids vor 22 Jahren, als das Haus eröffnet wurde, ihrer Zeit voraus. Auch da fragten sich die Leute zunächst, was das solle. Gegenfrage, sagt Charles: "Wie kann man diese wunderschöne Umgebung nicht schützen wollen?" Nicht weit von hier ist das Clayoquot Biosphärenreservat, dort kann man zwischen zahllosen winzigen, bewaldeten Inseln Weißkopfseeadler und Wale beobachten.

Das Hotel ist Mitglied in der Green Key Organisation mit Sitz in Kopenhagen, das nachhaltige Hotels zertifiziert. "The Wick" hat fünf grüne Schlüssel, die höchste Kategorie. Charles und sein Bruder Bruce haben das Gelände selbst gerodet und darauf geachtet, so wenige Bäume wie möglich zu fällen. Um das Wurzelwerk eines besonders schön vom Wind verbogenen Baums zu schonen, wurde der Bau um mehrere Meter verrückt. Hinzu kam die Idee, Altholz zu nutzen, etwa von der abgebrochenen St. Anne's Academy, einer Mädchenschule auf der Insel, oder von alten Brücken.

Der Schnitzer Henry Nolla, ein Freund der Familie, verlieh dem Hotel seinen ganz eigenen Charakter: Er beherrschte noch die selten gewordene Technik, Holzbalken mit der Dechsel zu behauen. Das ist ein Querbeil, das es schon seit der Steinzeit gibt. Auch die Küstenindianer verzieren ihre Totems und Langhäuser mit diesem Werkzeug. Mit seinen selbst gefertigten Schnitzmessern schuf Nolla auch die Eingangstüren zu den beiden Gebäuden: Die eine zieren zwei Adler, die andere ein Orca. In seiner Werkstatt am Strand arbeitete Nolla bis zu seinem Tod im Jahr 2004, stets stand er im Austausch mit anderen Künstlern. Die "Carving Shed" der McDiarmids ist noch heute eine offene Werkstatt, in der Kreative willkommen sind. So arbeitet dort zwischen April und Dezember George Yearsley, bekannt als "Feather George". Er schnitzt hauchdünne, fast durchsichtige Federn und wird nicht müde, Besuchern zu erklären, wie das geht und warum schon die kleinste Feder 500 Dollar kostet.

Gastkünstler kommen spontan, bleiben ein paar Wochen, zum Dank lassen sie das eine oder andere Kunststück zurück, das im Hotel einen Platz findet. Auch das Erbe von Henry Nolla lebt weiter: Ein Norweger nimmt nun dessen Werkzeuge zur Hand. Überall im Hotel steht und hängt Kunst, eine kleine Galerie zeigt überdies Sammlerstücke der McDiarmids, dort sind auch bunte Grafiken des First-Nations-Künstlers Roy Henry Vickers zu sehen sind.

Vickers hat in Tofino seinen eigenen Laden, die Eagle Arts Gallery, erbaut im Stil eines Langhauses der Haida-Indianer. An deren Bau hat übrigens Henry Nolla unverkennbar mitgewirkt. Man hilft sich gegenseitig in Tofino, ein Frontier-Geist, der auch nötig ist im nur 2000 Einwohner zählenden Ort. Eine Menge Individualisten leben hier, Aussteiger, Outdoorfans, Sportler, Naturbegeisterte und Stadtflüchtlinge, die einen gesünderen Lebensstil suchen. Einer der örtlichen Masseure ist aus Vancouver wegen der guten Wellen nach Tofino umgezogen. Allerdings über einen Umweg nach Australien, das er mit Anfang zwanzig als Backpacker bereist hatte. Dort hat er Surfen gelernt. Und auch, dass es bei ihm quasi vor der Haustüre die besten Bedingungen für Kaltwassersurfer gibt. "Nun kann ich bei der Arbeit aus dem Fenster schauen, ich weiß immer, ob nach Feierabend noch was geht am Strand."

Praktisch jeder in Tofino hat so eine Geschichte. Yogalehrerin Charlene Fritz war eigentlich auf dem Sprung nach Frankreich. Sie arbeitete für eine Weingroßhandlung und sollte in Beaune eine Fortbildung machen. Vorher spannte sie ein paar Tage in Tofino aus - und blieb. "Der Ort ist magisch, hier gibt es eine Energie, die lässt mich nicht mehr los." Man hilft sich, teilt und tauscht. Eine Massage gegen Biogemüse etwa, oder einen Lachs gegen eine kleine Reparatur am Haus.

Dieses Prinzip der Kooperation nutzt auch Charles McDiarmid: Er ist Mitglied der Tofino Ucluelet Culinary Guild - einer Kooperative, die sich zusammen einen Lkw leistet, der Bio-Nahrungsmittel und Bioweine vorwiegend von der Insel und aus British Columbia an die Mitglieder - Restaurants, Hotels, Läden und Privatpersonen - liefert. Konkurrenzdenken beginnt erst in der Küche. "Wir konkurrieren nur um das beste Endprodukt auf dem Teller", sagt der Hotelier. Klar, dass mittlerweile andere Hotels die Idee des Storm Watchings kopiert haben.

Weshalb McDiarmid sich bemüht, noch ein bisschen kreativer zu sein als die Konkurrenz. In jedem Zimmer steht zum Beispiel ein Stuhl, der aus Treibholz gefertigt ist. Einen kleinen Regenwald-Rundweg hat er angelegt, nicht zu reden von der Biokläranlage und dem hauseigenen Komposthaufen, den die Mitarbeiter "Worminator" nennen.

Kurz und gut: Charles McDiarmid tut alles, um den Gästen den perfekten Sturm direkt an den Balkon zu servieren. Doch, nun muss es raus, der Herr der Winde ist er eben auch nicht. Es kann dem Gast schon auch passieren, dass er eine Woche vergeblich auf einen Sturm wartet.

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