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Great Bear Rainforest

Original Artikel für Z Magazin
Fotos Jeremy Koreski - 

Irgendwo hier müssen sie sein. In einem verwunschenen Fjord, verschleiert im Nebel des pazifischen Regenwaldes. In einer schlammigen Bucht, übersät mit glitschigen Felsen, feuchtem Tang und verwitterten Ästen. Überragt von majestätischen Baumriesen, die mit Flechten und Moosen überwuchert sind wie vor­zeitliche Zeugen in einem gigantischen Märchenwald.

An diesem Morgen im Herbst kreisen Weisskopfseeadler, Fischreiher und Tausende Möwen über der Bucht, von der viele sagen, sie sei ein Schlaraffenland der Natur. Bald nieselt der Regen, bald bricht die Sonne durch die Nebelbank und taucht die schneebedeckten Berge in ein mystisches Licht. Flache Wellen rollen auf die mit Seesternen übersäten Strände zu. Ab und zu taucht der Kopf eines Seehundes aus dem Wasser.

Dann auf einmal sind sie da. Am Horizont bewegen sich drei kleine dunkle Punkte im Wasser. Sie sehen aus wie Stecknadelköpfe im undurchdringlichen Grün und Grau. Mit gleichmässiger Geschwindigkeit schwimmen sie auf das Alu-­Boot zu. Im Fernglas erkennt man drei Paar aufrechte Ohren, drei langgezogene Schnauzen, schliesslich drei dunkelbraune Pelze im Wasser. Es ist eine Grizzlybärin mit ihren zwei Jungen. Die Bären­ familie ist auf der Jagd nach Lachsen, die sich um diese Jahreszeit zu Millionen durch den Fjord und die Flussmündung zu ihren Laichgebieten schlängeln. An einer Sandbank angekommen, bleiben die Bären stehen und tauchen kurz unter. Als sie wieder hochkommen, halten sie zwischen kräftigen Tatzen ein paar zappelnde Fische und beissen herzhaft zu. Lachseier! Was für ein Frühstück! Angerichtet ist das Bufet in Glendale Cove, einer verwunschenen Bucht im südlichen Great Bear Rainforest in Kanada. Das einsame Wildnisgebiet in British Columbia beheimatet einen der letzten gemässigten Regenwälder der Erde und wird auch der «Wald der grossen Bären» genannt. Denn an kaum einem anderen Ort in Kanada sind die Bären, aber auch Wölfe und Lachse so fett wie hier, die Robben und Adler so zahlreich, der Regenwald so üppig und die gletschergespeisten Flüsse so klar.

Der Great Bear Rainforest reicht von Vancouver Island bis zur Grenze von Alaska, ist flächenmässig grösser als die Schweiz und steht nach jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen der Regierung, Umweltschützern und Holzkonzernen mittlerweile zum Teil unter Schutz. Nur ein paar tausend Menschen wohnen in dem unzugänglichen Gebiet, die meisten sind Ureinwohner.

Daür hat es umso mehr Bären. In Glendale Cove leben so viele Grizzlys auf einer so dichten Fläche wie an nur wenigen Orten in Nordamerika. 60 bis 70 Bären tummeln sich jeden Herbst an dieser Flussmündung. Im gesamten Great Bear Rainforest sind es laut kanadischer Regierung rund 10 000 Tiere. Dank der üppigen Nahrung sind viele Bären doppelt so schwer wie ihre Artgenossen im Landesinneren. Die Männchen bringen locker 500 Kilogramm auf die Waage. «Die Grizzlys im Great Bear Rainforest leben im Überluss und können es sich erlauben, wählerisch zu sein», erklärt Führerin Moira Le Patourel. «Meist fischen sie sich die Lachsweibchen aus dem Wasser und verspeisen nur die Eier. Den Rest lassen sie achtlos liegen.»

Le Patourel hat heute eine Handvoll Besucher mit einem Elektroboot in die Bucht gebracht. Sie trägt einen Regenhut und eine lange Anglerhose aus grünem Gummi, steht neben dem Boot im flachen Wasser und schiebt dieses vorsichtig bis auf etwa 200 Meter an die Bären heran. «Die Grizzlys wissen natürlich, dass wir hier sind», erklärt sie, die Tiere fest im Blick. «Aber sie haben gelernt, dass von uns keine Gefahr ausgeht, und wir achten darauf, ihnen genügend Raum und Abstand zu lassen.» Die Kanadierin arbeitet als Guide für die «Knight Inlet Lodge», ein Fly-in- Wildnis-Resort nahe Glendale Cove, das auf schwimmenden Pontons gebaut wurde. Damit sich Menschen und Bären nicht in die Quere kommen, hat Le Patourel Regeln aufgestellt: Auf den Booten oder Aussichtsplattformen im Wald finden höchstens sechs Personen gleichzeitig Platz. Essen, Getränke oder Parfums sind tabu, um die Tiere nicht anzulocken. Gesprochen wird im Flüsterton. Zu ernsten Zwischenällen kam es bis jetzt nie.

Eine Tagesreise weiter nördlich werden die Bären mit ebenso viel Achtung und Respekt behandelt. Vernon Brown vom Volk der Kitasoo-Xai’Xais lebt in Klemtu, einem winzigen Indianerdorf im Herzen des Great Bear Rainforest. Wie so häuig umhüllen auch heute Nebelschwaden die verwitterten Holzhäuser am Strand, das bunt bemalte Langhaus und die grimassenhaft geschnitzten Totempfähle am Hafen. Im Kies modert ein altes Kanu vor sich hin. Brown trägt eine Wollmütze, Gummistiefel und eine Regenjacke mit einem Aufstick-Bild mit zwei indigenen Motiven: einem Lachs und einem Bären, den Symbolen der Selbstverwaltungsorganisation der Ureinwohner von Klemtu. «Wir halten heute Ausschau nach einem seltenen und mysteriösen Geschöpf», sagt Brown und bittet auf ein silbernes Boot. Er lässt den Motor an, und schon geht es hinein in die Tiefen des Great Bear Rainforest. Brown arbeitet als Guide für die «Spirit Bear Lodge» von Klemtu, ein kleines von den Indianern geführtes Hotel, das sich auf Bärenbeobachtung spezialisiert hat. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Stefan Moosleitner vom Spezialreisen-Anbieter Inspired Travel aus Hamburg bringt Brown heute eine kleine, exklusive Gruppe in diesen Winkel, einen der entlegensten der Erde, für eine intime Tour jenseits der üblichen Touristenpfade.

Geschickt steuert Brown das Boot durch die engen Kanäle der Inselwelt des paziischen Regenwaldes. Gezeiten mit bis zu sieben Metern Wasserstandsunterschied und Regenmengen, die zu den höchsten in Kanada gehören, haben hier eine urwüchsige Landschaft geschaffen. Es geht vorbei an sturmgepeitschten Buchten, turmhohen Wasserällen, mit Moosen überwucherten Steilküsten. An knorrigen Wäldern mit Sitka-Fichten, Hemlock- Tannen, Douglas-Kiefern und Rotzedern. Es ist die Heimat der Küstenwölfe, Killer- und Buckelwale und Delphine – und der sehr seltenen Geisterbären. «Spirit Bears sind eigentlich Schwarzbären, die wegen einer genetischen Mutation ein weisses Fell tragen», erklärt Brown. Sie kommen nur im und rund um den Great Bear Rainforest vor, und Brown schätzt, dass es lediglich etwa 200 Tiere gibt. In der Mythologie seines Volkes spielen die Mooksgm’ol genannten Tiere eine wichtige Rolle.

«Unser Schöpfer Tatau schuf einige wenige weisse Bären, um uns Menschen daran zu erinnern, dass unser Land einst von Gletschern bedeckt war und dass wir dankbar sein sollen für die üppige Natur, in der wir leben», sagt Brown. Diesen Glauben nehmen die Kitasoo-Xai’Xais ernst. Lange verschwiegen sie die Existenz der Geisterbären, und bis heute gelten ihnen die Tiere als heilig. Eine eigene Bärenpolizei patrouilliert auf den Gewässern von Klemtu, um die Tiere vor Wilderern zu schützen; in Teilen des Great Bear Rainforest ist die Bärenjagd noch immer erlaubt.

Nach etwa einer Stunde hält Brown sein Boot an einer versteckten Bucht. Ein kleiner Lachsfluss mündet hier in den Fjord, und nicht selten schlagen sich die Geisterbären an diesem Ort den Bauch voll. Gerade ist Ebbe. Das Wasser aus dem Bach rauscht mit Wucht in den Fjord. Mit Gummistiefeln geht es durch das knöcheltiefe Wasser erst an den Strand und dann tief in den Wald hinein. Der Waldboden ist sattgrün und mit grossen Farnen, überwucherten Ästen und dicken Moosen bedeckt. Nach ein paar Minuten entdeckt Brown an einer mächtigen Zeder weisse Bärenhaare. «Die Bären reiben ihr Fell an der Rinde, nicht etwa weil es sie juckt, sondern weil sie mithilfe ihres Körperdufts untereinander kommunizieren», sagt er. Ein paar Schritte weiter erkennt man frische Tatzenabdrücke im Schlamm und eine ausladende Mulde im Moos – das Schlafzimmer von Meister Petz.

Der Geisterbär ist also da – und bleibt doch ein Geist an diesem Tag. Er ist stets präsent, aber nie sichtbar. Seine Spuren sind nicht zu übersehen, enden aber doch irgendwann im weiten Grün und Grau. Verschluckt in einem riesigen Wald, so mystisch und geheimnisvoll wie der Geisterbär selbst. Der ihm einen unberührten Lebensraum ermöglicht fern der Zivilisation. Noch. Denn die Region ist bedroht. Regierung und Energiekonzerne wollen hier eine mächtige Erdölpipeline bauen mit Verladeterminal und Hunderten Öltankern pro Jahr. Es ist ein Projekt, gegen das sich Bewohner, Umweltschützer und Ureinwohner mit vereinten Kräften stemmen. Sie kämpfen daür, eines der letzten echten Wildnisgebiete im pazifischen Westen Kanadas zu erhalten– bis jetzt mit Erfolg.

Wildnis! Was für ein Begriff! Giselle Martin von den Tla-o- qui-aht-Ureinwohnern auf Vancouver Island hat da ihre ganz eigene Definition. An einem Morgen steht Martin im strömenden Regen im Pacific-Rim-Nationalpark auf dem Stamm einer uralten Hemlock-Tanne. Der umgestürzte Baum hat eine kleine Öffnung zum Himmel hinterlassen im sonst dichten Dach aus Baumkronen. Ein paar fahle Lichtstrahlen schaffen es durch die Öffnung und den Nebel hindurch bis auf den Waldboden. Fast scheint es, als würde jemand da oben in diesem Moment eine Botschaft senden wollen. Eine Gottheit? Der Geisterbär vielleicht? Martin schaut gen Himmel, schweigt einen Moment und sagt dann mit nachdenklicher, aber bestimmter Stimme: «Wissen Sie, in den Sprachen der Ureinwohner gibt es das Wort Wildnis gar nicht. Was eurem Begrif in unserer Kultur wohl am nächsten kommt, ist ein einziges Wort: Es heisst Heimat.»

Die Reise wurde von Inspired Travel (www.inspired-travel.de), Tourism British Columbia, dem «Wickaninnish Inn» und der «Knight Inlet Lodge» unterstützt.

 

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