News Article

back print this page

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Süddeutsche Zeitung Magazin
September 3, 1999

Wenn sich kein Lüftchen regt und die Sonne richtig schön scheint, können die Gäste hier schon mal sauer werden. Schliesslich kommen sie wegen des schlechten Wetters: Es ist Stormwatching-Season an der Westküste von Vancouver Island. Urgewalten erleben, wo die Welt aufhört, in einem Hotel auf den Klippen, das so weit weg von allem ist, dass danach nur noch das Wasser kommt: viele tausend Kilometer weit. Irgendwo auf der anderen Seite ist Asien. Viel Patz für den Wind, um Anlauf zu nehmen.

Im Winter zog es früher niemanden in die Gegend rund um Tofino im Pacific Rim National Park - kein Wunder, denn im Jahresdurchschnitt stürzen hier drei Meter Wasser vom Himmel. Im Winterhalbjahr eher mehr as weniger. Doch dann hatte der Hotelier Charles McDiarmid die rettende Idee, das schlechte Wetter als besondere Attraktion zu verkaufen: Er rief das Programm Stormwatching ins Leben.

Seitdem läuft sein Hotel "Wickaninnish Inn", das auf den Klippen am Rande des Chesterman Beach liegt, bei Sturm bessonders gut. Lieblingsplatz der Stormwatcher: die Badewanne in Zimmern mit Meerblick. Panoramafenster reichen dort vom Fussboden bis zur Decke. Gischt spritzt gegen die Scheiben. Als ob der Ozean direkt in die Wanne spülen wollte. Regen trommelt im Stakkato. Und auf dem gemauerten Sims der Badewannen stehen Tee und Pralinen.

Als vorgeschobener Posten gegen die Urgewalten dient das mit vielen Sternen geschmückte Hotelrestaurant; es ist auf Stelzen in den Klippen verankert. Mikrofone auf dem Dach übertragen das Tosen ins Innere, wo es sich mit Wagner-Klängen mischt. Das Restaurant wurde gerade zum besten Kanadas gewählt. Gäste dürfen auch per Hubschrauber einfliegen -- sie warten allerdings am besten, bis der Wind einmal kurz nachlässt.